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Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Heide 29.08.2010
Ich habe die Aufgabe gern übernommen Sie mit den hier ausgestellten Arbeiten vertraut zu machen und möchte vorab unseren Dank aussprechen, das wir Bilder und Plastiken in einem so exzellenten Rahmen präsentieren können. Danke an die Leitung dieser Institution und die stets hilfreichen Mitarbeiter, an Dirk Becker, den Kunstverein, und selbstverständlich an jene unermüdlichen Helfer, die uns während des Aufbaus zur Seite standen, mit Ihren Ideen und tatkräftiger Mithilfe.
Eine so selbstverständlich wirkende Ausstellung, die in allem gut aufeinander abgestimmt ist, ist nur dann möglich, wenn die teilnehmenden Personen vorab eine Reihe von Entscheidungen treffen, die das Bild der Ausstellung durch die Auswahl der geeigneten Objekte schon als Vision vorbereiten. Es folgen die profanen Elemente, wie das Design des Fleyers und des Plakates, das Larissa in Ihrer gewohnt qualitätsvollen Art übernommen hat. Einige Tage sind angefüllt mit der konkreten Auswahl der Objekte, die Sockel müssen vorbereitet werden, alles muss aus den Lagerräumen zusammengestellt und verpackt dann hierher transportiert werden. Aber so denken wir, der Aufwand hat sich gelohnt und nun können Sie, für deren zahlreiches Erscheinen wir dankbar sind, sich an unserer Arbeit erfreuen, reiben, sie aufnehmen und kommentieren und selbstverständlich auch erwerben. Das Angebot genießen, durchdenken, die Eindrücke mit ihren eigenen Seh-Erfahrungen und Gewohnheiten verbinden und an dem Teilhaben, was wir in unseren Ateliers entwickeln.
Wir, das sind Larsissa Strunova-Lübke aus Heide und Thomas Helbing aus Barnitz in Stormarn. Ich komme nicht aus Berlin, aber darauf werde ich später noch eingehen.
Zwei unterschiedliche Menschen mit völlig anderen Biographien. Genaue biographische Informationen entnehmen Sie bitte den Ausstellungslisten, die hier überall ausliegen. Nur soviel sei gesagt:
Larissa Strunova-Lübke ist in Swerdlowsk (Jekaterinburg), in der ehemaligen Sowjetunion geboren und hat in Moskau Malerei und Bühnenbildnerei studiert, als Bühnenbildnerin, Innenarchitektin, Werbegrafikerin und freischaffende Malerin in Russland, Polen und Deutschland gearbeitet. Sie lebt und arbeitet in Deutschland seit 1995, ist Mitglied im freien Künstlerbund St. Petersburg, im BBK Landesverband Schleswig-Holstein und im Künstlerbund Rendsburg-Eckernförde.
Ich habe das selten Glück heute hier mit zwei unterschiedlichen Biographien dazustehen. Der bereits veröffentlichten nach, bin ich in Rosenheim geboren, habe an der Akademie in München und an der Goldsmith School of Arts in London studiert und lebe heute in Berlin. Zu verdanken ist dieser zweite Lebensweg dem Umstand, das es einen Kollegen gleichen Namens gibt, der sogar zur gleichen Zeit in München studierte. Ich selbst bin aber in Lübeck geboren und in Hamburg aufgewachsen. Habe nach dem Abitur eine Ausbildung im Steinmetz und Steinbildhauerhandwerk genossen, daran anschießend Kunstgeschichte an der Uni Hamburg, dann Bildhauerei an der Akademie in München studiert und bin seit 1994 freischaffend tätig. Mitglied im BBK und der Gemeinschaft Lübecker Künstler und dem internationalen sculpture network.
KörperRAUMSeelen-SeelenRAUMKörper so der Titel dieser Ausstellung, deutet von vorn herein an, dass beide sich in intensiver Weise mit dem Menschen als Inhalt und Form auseinandersetzen. Leidenschaftliches und Existenzielles, Emotionen und Gedanken, genaue Beobachtung und Wahrnehmung der Umwelt, suchen sich ihren Ausdruck in Bild und Plastik. Titel wie Apollon, Venus, Pygmalion, Prometheus, Sysiphus, Kassandra und Ikarus verweisen auf eine Intensive Auseinandersetzung mit einer langen im europäischen Gedankengut basierenden Beschäftigung mit tiefgehenden Symbolen menschlicher Gefühle und Erlebniswelten, die durch die gesamte Kunstgeschichte hindurch in immer neuen Ausdrucksformen ihre Frage nach Sinn und Vielfalt des menschlichen Lebens suchen. Im aristotelischen Sinne, dass der Mensch eine Einheit von Körper und Seele darstellt, die Psyche den ganzen Leib durchdringt, sind die gezeigten Arbeiten zu verstehen. Dies findet sich in - der Art - der Form und der Farbigkeit - wieder. Wie selbstverständlich ist hier der Schluss, dass sich Daseinserfahrungen am besten mit dem unbekleideten, dem Akt als Sujet bewältigen lassen.
Der Begriff Akt leitet sich aus dem lateinischen „actus“ her und lässt sich mit „Handlung“ übersetzen. Auf den Körper übertragen heißt es Bewegung.
In der künstlerischen akademischen Ausbildung bezeichnet es das Modell und die Studien der Gebärden, Stellungen und Bewegungen des nackten Körpers.
Bei der Betrachtung der Arbeiten, die sich mit diesem speziellen Sujet der Kunst beschäftigen, muss man als Bezugspunkt realisieren, das sich der Leib des Gegenüber in der Wahrnehmung der eigenen Leiblichkeit gründet. Wir sollten aber auch unterscheiden zwischen der vitalen Daseinserfahrung und dem Bedeutungssinn, der einer tieferen Analyse jeder einzelnen Darstellung bedarf. Hier liegt einer der wesentlichen Punkte, die Kunst ausmachen. Beides kann in den Arbeiten enthalten sein, und es stellt sich bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst häufig die Frage, mit welchem Blick, moralischer- oder geistiger Art in ihrer Zeit, die Betrachter das Gesehene interpretieren und sich ihrer eigenen Körperlichkeit stellen. Wenn die männlichen Akte der Kunstgeschichte bis ins 19.Jh. eine meist durch ihren symbolischen Gehalt bestimmte Auseinandersetzungen mit dem Körper sind; so beginnt sich nun ein Feld aufzutun, in dem die Darstellung eines nackten Körpers zum Selbstzweck wird, und nicht mit Venus, Mars oder ähnlichen Begriffen legitimiert werden müssen. Das gleiche trifft übrigens auch auf den weiblichen zu, auch wenn viele dieser Bilder oder Skulpturen eher für den privaten Bereich geschaffen wurden; Die meines Wissens erste dieser Darstellungen ist bei Goya zu finden in seiner bekleideten und nackten Maja, 1800-1803. Nicht berücksichtigt sind nun natürlich die zahlreichen Skizzenbücher in denen die Zeichnungen, man denke etwa an Michelangelo, nicht immer durch einen Titel einen bestimmten inhaltlichen Bezug haben. Viele Bilder zeigen das Nackte als einen paradiesischen Zustand in der jenseitigen Welt, in die man nichts an weltlichem mitnehmen kann. Das Aktbild ist eine Form der künstlerischen Auseinandersetzung, in der der Mensch sich unmittelbar sich selbst zuwendet und ohne Einfühlsamkeit ist das menschliche Gegenüber nicht zu erfassen und abbildbar.
Was passiert mit einem, wenn das Gegenüber aller Statussymbole, wie etwa der Kleidung beraubt, vor einem steht, sitzt oder liegt. Ist es möglich, wenn uns nichts weiter als der Körper eines Menschen gegenübertritt, Rückschlüsse um das Wesen der Person zu ziehen, und wie vermag man dieses künstlerisch umzusetzen.
Auf der Leinwand expressive Farben. Farbfelder aus denen sich bei genauem hinsehen Figuren, Paare, mal mehr mal weniger deutlich herausbilden. Beseelte Körper die in Farbräumen, selten konkreter Natur erwachsen. Wenn das „ kommen und gehen“ als ein zentrales Motiv in Larissa Strunova-Lübkes Arbeit anzusehen ist, so bedingt dies wie von selbst eine Verschmelzung von realem und nicht realem in einem Bild. Selten sieht man Gesichter, während die Körper in laokoonhaftem Gestus den Bildraum füllen, teils flächig, teils stark plastisch durchgearbeitet, mit starkem malerischen Gestus und graphischen Elementen. Die Körper jedoch sind nicht in Ihrer natürlichen Farbgebung wiedergegeben, sondern eingebunden in einen Farbklang, der einen expressiven Bezug zum Dargestellten entwickelt. Die Farbe ist das Bindemittel für eine emotionale Sicht auf das menschliche, die Welt, wie Larissa sie sieht, Seelenzustände, die in erzählerischer Weise und kräftigem malerischen Ausdruck das pure Leben wiedergeben. Stimmungen von Freude, Trauer, Sehnsucht, Sehlust und der Freude den nackten Körper in seiner ganzen erotischen, offenen, verletzlichen, starken Erscheinung darzubringen.
Der folgende Text, der meine Art der Auseinandersetzung mit der Bildhauerei bezeichnet, lässt sich in den meisten Punkten auch auf die Malerei von Larissa übertragen und ist dadurch eine in vieler Hinsicht als Seelenverwandtschaft zu bezeichnende Ursache, für die tiefgehende Harmonie, die eine Ausstellung zwei so unterschiedlicher Individuen möglich, und als gelungene Einheit, sichtbar macht.
Die Bildhauerei ist eine heute nicht mehr alltäglich Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, da das Erleben in zunehmendem Maße durch zweidimensionale Bildmedien bestimmt wird (selbst beim Autofahren hilft uns heute ein zweidimensional abbildendes Gerät den Weg in einer dreidimensionalen Umgebung zu finden). Die dreidimensionale Form enthält mehr Sinnesdaten, komplexe Informationen auf unterschiedlichen Denk- und Wahrnehmungsebenen.
Was wir erkennen, ist zuerst nur die Erscheinung des Dings. Wir sehen, was wir wissen und wenn wir mehr wissen, sehen wir auch mehr, was ebenso für die Malerei gilt. Eine plastische Arbeit ist nur in seiner Ganzheit zu erfassen, wenn man sich die Mühe macht, sie von allen Seiten zu betrachten, das verlangt Bewegung, die Veränderung des eigenen Standpunktes, sowohl körperlich, als auch auf intellektueller Ebene. Wir Begreifen durch um-schreiten. Es ergibt sich eine Aneinanderreihung von Profilen, die sich in uns, in ein volles dreidimensionales Bild verwandeln können.
Diese Bewegung schafft Sinnbilder, die in Ihrer Addition - Wahrnehmen ist Unterscheiden - eine Gesamtschau im eigenen Inneren entwickelt. Jeder erzeugt sein eigenes „Sinnbild“. Dessen Bedeutung steht immer in Beziehung zu den individuellen Erinnerungen.
Die kreative Macht unseres Denkens ist die Verknüpfung von Denkmodellen zu neuen Einheiten und dies ist nicht nur auf die bildende Kunst beschränkt. Bildung ist ein Wort, das von der Macht der Bilder, Lebensbilder, Leitbilder, Zeugnis legt. Die Möglichkeiten die Wahrnehmung zu erweitern, Phantasie und Realität zu entdecken, zu reizen, zu fühlen (Bildhauerei ist auch haptisch), zu begreifen, ist ein wichtiger Aspekt dieser Kunst. Es gilt eine Beziehung zum Objekt aufzubauen, durch Nähe-Abstand, Enge-Weite, Einansichtigkeit-Vielansichtigkeit, Richtung-Richtungsgegensätze. Ein Begriff, eine Form, kann sein Gegenteil bedeuten, wenn wir die Perspektive verändern, vergleichbar dem Möbius Band. Hier mag das ausgestellte Objekt mit dem Titel „ Metamorphosen des Ovid“ ein gutes Beispiel geben.
Es gibt zwei grundsätzlich verschieden Herangehensweisen eine Form zu erstellen, weshalb die Kunstgeschichte diese mit eigenen Begriffen belegt. Sie sind so anders, dass es vielen Menschen schwer fällt beide zu beherrschen. Als Plastik bezeichnet man den Aufbau einer Form aus dem Kern heraus, unabhängig vom Material, aufbauend auf einem Gerüst. Ist das Gerüst der Maßstab der Orientierung, ist es möglich in recht spontaner Weise an diesem Anker entlang zu arbeiten, frei assoziierend zu kombinieren und den angedachten Weg im Rahmen physikalischer Gegebenheiten weiter zu entwickeln. Bewusst unbewusstes Handeln kann als kreative Technik in diesem Fall fruchtbare Ergebnisse erzielen.
Die Skulptur ist das Herausarbeiten eines Objektes, einer Idee, aus einer bereits vorhandenen Form, einem Steinblock beispielsweise.
Eine fortwährende Deformation führt um Ecken gedacht zum Ergebnis. Einem Schachspieler gleich, ist der voraus schauende strategische Gedanke, wenn nicht eine planlose spielerische Beliebigkeit entstehen soll, notwendig für den Erfolg. Es gibt Bildhauer, die sich vom Material derart beeinflussen lassen, dass die Form sich während des Arbeitsprozesse in seinen festen Grenzen entwickelt.
Es mag zunächst so erscheinen, dass diese Einschränkung ein Hemmschuh der Kreativität sein könnte, die Freiheit des Denkens beengt ist, dem ist natürlich nicht so. Das Handeln innerhalb eines vorgegebenen Rahmens kann Kräfte entfalten, die nach den Regeln der Ästhetik, zu ungeahnten neuen Lösungen führen und im übertragenen Sinne als Denkmodell in vielen Bereichen zur Anwendung gelangen können. Das Unklare, sowohl in der ersten Arbeitstechnik, als auch in der zweiten, schafft es, wenn genügend Offenheit vorhanden ist, Neues zu denken und zu bilden. Eine wesentliche Voraussetzung ist Achtsamkeit, auch jene im philosophischen Diskurs definierte, und das Hinterfragen von Gewohnheitsmustern.
Während der Vorteil des ersten Weges die Entwicklung sein kann, liegt dass Besondere des anderen in der Beschränkung. Beide Vorgehensweisen sind erlernbar. Es ist nur immer wieder wichtig zu lernen mit einer Arbeit rechtzeitig aufzuhören. Es gibt einen Punkt, an dem alle gewonnene Form wie Sand unter den Fingern zerrinnt, es gilt den Moment nicht zu überreizen. Wirkliche Freiheit aber ist es, das Scheitern zuzulassen, über das scheinbar Machbare hinüber zu schreiten.
Mit dem späten 19.Jh., mit dem Bildhauer Rodin beginnt eine veränderte Sichtweise, deren Inhalt es ist über die Kunst der Betrachtung, über die Wahrnehmung, die Ästhetik, nachzudenken und den Betrachter als Mitgestalter einzubeziehen.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und eröffne hiermit diese Ausstellung, von der wir uns erhoffen, dass sie viel Aufmerksamkeit erregt und Sie als unsere Multiplikatoren, ihre gewonnenen Gedanken weiter tragen und noch viele Menschen dazu anregen, sich diese Ausstellung anzusehen.
Thomas Helbing M.A., Barnitz den 28. August 2010
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